Hörbücher sind längst viel mehr als die bequeme Alternative zum Lesen. Sie sind steter Begleiter auf langen Zug- oder Autofahrten. Und manchmal lassen sie uns mit unseren Lieblingsstimmen im Ohr einschlafen. Aber damit wir uns entspannt zurücklehnen, zuhören und die Welt ausblenden können, braucht es hinter den Kulissen sehr viel Arbeit. Bücher werden gelesen und ausgewählt, Stimmen gecastet, ganze Szenen werden neu gedacht, um möglichst perfekte Aufnahmen zu produzieren.
Aber wie läuft das eigentlich ab? Was macht ein Buch zum Hörbuch? Und wie verändert Streaming den Markt? Darüber habe ich auf der Leipziger Buchmesse Marcel Hallensleben von StorySquirrel gesprochen. Im Interview erzählt er, worauf es bei der Auswahl der Sprecher und Sprecherinnen ankommt, welche Missverständnisse es über die Hörbuchproduktion gibt und in welche Richtung sich die Branche in den nächsten Jahren entwickeln könnte.
Hallo Marcel, zuerst einmal vielen Dank, dass du dir die Zeit für mich nimmst.
Hörbücher gehören für viele fest zum Alltag. Erinnerst du dich an das erste Hörbuch, das dich selbst richtig begeistert hat?
Tatsächlich ja. Richtig begeistern konnte ich mich für „Die drei Fragezeichen“. Ich habe damals als Kind mit den Klassikern angefangen. „Benjamin Blümchen“, „Bibi Blocksberg“ waren der Einstieg. Mit den „drei Fragezeichen“ kam dann die erste echte Leidenschaft, die ich dafür entwickelt habe. Und immer, wenn wir irgendwo hingefahren sind, sei es zu Oma, Tante, was auch immer, dann gab es eine neue CD, die ich im Auto gehört habe. Da habe ich einige schöne Kindheitserinnerungen.
Der Schwerpunkt eures Verlages liegt bei Genre Fantasy. Wie kam es dazu, dass ihr euch so spezialisiert habt?
Das war eine Mischung aus meiner eigenen Idee und der meiner Frau. Ich fand Sachgeschichten auch schon immer spannend. Aber mehr zu informativen Zwecken, nicht zur Unterhaltung. Irgendwann habe ich „Harry Potter“ und auch „Herr der Ringe“ gelesen und bin so zur Fantasy gekommen, und meine Frau dann ebenfalls. Dann war für mich auch relativ schnell klar, wenn ich selber etwas mache, was ich anderen vertreibe, muss es etwas sein, wo ich mit dem Herzen dranhänge. Und ist es schließlich die Fantasy geworden.
Würdet ihr, aufs Genre bezogen natürlich, jedes Buch vertonen, oder würdet ihr auch Bücher ablehnen?
Auf jeden Fall, das machen wir auch derzeit schon. Wir bekommen einige Anfragen von Autoren und Autorinnen. Es gibt bei uns eine Grundvoraussetzung – es muss uns gefallen. Meine Frau muss es lesen, ich muss es lesen. Und wenn wir beide sagen: „Ja, das ist cool.“ Wenn das gegeben ist, stehen die Chancen gut, dass wir es auch aufnehmen. Vom Genre sind wir auch etwas breiter aufgestellt als nur in der Fantasy. Ein bisschen Fantasik reicht uns schon. Es kann also durchaus ein Thriller sein mit fantastischen Elementen. Wenn das gegeben ist, wäre die Grundvoraussetzung erfüllt. Aber auch da gibt es, weil Geschmäcker eben unterschiedlich sind, schon Bücher, die wir abglehnt haben, weil es einfach nicht unseren Geschmack getroffen hat.
Der Großteil der Hörerschaft sagt, die Stimme entscheidet alles. Seht ihr das als Verlag genauso? Wie geht ihr als an die Sprecherauswahl? Sprich, würdet ihr jede Stimme an jedes Buch ranlassen?
Auf jeden Fall, da gehe ich voll mit. Die Stimme ist entscheidend, hundertprozentig. Wenn ich ein Buch lese, habe ich persönlich immer schon eine Erzählerstimme im Ohr. Das ist auch nicht immer die gleiche, es ist auch nicht meine eigene Stimme. Es ist einfach irgendeine Stimme. Für mich ist das immer ein gutes Indiz, in welche Richtung so ein Sprecher gehen sollte. Mir ist immer sehr wichtig, dass der Sprecher zum Buch passt. Also, er muss zur Geschichte an sich passen. Zu den Charakteren innerhalb der Geschichte muss er passen. Und es muss zur Zielgruppe passen. Es bringt nichts, wenn es perfekt auf die Charakteren passt, aber alle in der Zielgruppe sagen: „Oh, das klingt ja schrecklich“. Dann haben wir auch nichts gewonnen. Es muss wirklich alles passend zusammengeführt werden.
Merkt man oftmals auch erst im Nachgang, wie gut es gepasst hat?
Ja, genau. Das sind dann Erfahrungswerte, die jeder sammeln muss. Unseren Verlag gibt es noch nicht so lange. Aber ich mache seit 2016 auch Hörbuchaufnahmen für andere Verlage in meinem Studio. Von daher konnte ich schon einiges an Erfahrungen gesammelt werden.
Was stellt sich die Hörerschaft völlig falsch vor, wenn sie an die Produktion eines Hörbuches denkt?
Was ich häufiger gehört habe, auch aus Studiozeiten noch, ist: „Was, du wirst fürs Hörbuch hören bezahlt? Du setzt dir einen Sprecher hin, der spricht dir das ein. Und du hörst einfach nur zu und musst nichts mehr machen.“ Das ist so die Vorstellung, die viele haben. Dass aber während der Produktion auch Regie geführt wird, dass teilweise auch an Sätzen gefeilt wird und manche Sätze zwanzigmal eingelesen werden, bis sie sitzen, wie sie sitzen sollen und es passt, hört man Ende natürlich nicht. Dann die Nachbearbeitung , was da alles gemacht werden muss. Dass diese Neuansetzer müssen rausgeschnitten werden. Auch noch die klangliche Nachbearbeitung. Es hängt wirklich einiges dran, was nicht gesehen wird. Was aber nicht schlimm ist, denn es ist ja gut, wenn es nicht gesehen wird, denn das Endprodukt soll ja auch natürlich klingen. Und wenn man all das soweit untergehen lassen kann, dass es nicht rausgehört wird, dann haben wir es gut gemacht.
Hörbücher werden heuzutage mehr gestreamt als gekauft. Ist das für euch als Verlag mehr Fluch oder Segen?
Für uns speziell sogar eher Segen. Ich glaube nämlich, dass die Hörbuchbranche sich selbst ein bisschen das Leben schwer macht. Denn ja, Hörbücher werden immer weniger gekauft, weil sie häufig immer noch auf CD vertrieben werden. Die CD ist seit langem einfach nicht mehr das zeitgenössiche Medium. Und klar, wenn dann Spotify un Co. existieren, dann nutzt die Hörerschaft, die die Wahl hat zwischen Spotify und der CD, natürlich das was angenehmer ist. Deswegen setzen wir bei uns auch auf die USB-Sticks. Die sind jetzt auch nicht mehr so ein ganz modernes Medium. Wir gehen dann auf die Sache, dass wir sie so hübsch gestalten, dass man sie sich ins Bücherregal stellen würde. Unsere Zielgruppe sind also auch Leser, die schöne Bücherregale haben, so dass wir die auf diese Art mit abholen. Und natürlich sind wir auch bei allen Streaming-Anbietern und Shops vertreten.
KI-Stimmen werden kontrovers diskutiert. Ist das für euch als Verlag ernsthafte Konkurrenz, oder haltet ihr es für gnadenlos überschätzt?
Gnadenlose Überschätzung vielleicht nicht, weil die KIs schon echt gut geworden sind. Das Problem, was ich mit KI habe, es hat seinen eigenen Stil. Wenn ich einen Prompt fünfmal eingebe, bekomme ich fünf verschiedene Varianten, weil Trainingsdaten teilweise leicht unterschiedlich sind. Und ich kann sie nicht so kontrollieren, wie ich es bei einem menschlichen Sprecher kann. Noch dazu sind Emotionen derzeit bei weitem nicht auf dem Stand, wie es ein echter Sprecher schafft. Deswegen sage ich, Stand jetzt, definitiv, absolut out of Konkurrenz. Ich sage es mal so, wenn wir dem ganzen nochmal fünf bis zehn Jahre geben, dann sieht vielleicht ganz anders aus. Aber auch da bin ich der Meinung, dass die menschliche Note einen Unterschied machen kann. Dann nicht aufgrund der Emotionalität und all das, weil das KI dann auch kann. Aber einfach von der Zuschauerbindung her. Die KI kannst du nicht auf Messen treffen. Die kann auch keine Autogramme geben. Das sind die Punkte, die dann wieder relevanter werden.
Was wünscht ihr euch von Autoren und Autorinnen, die ihr Buch gerne als Hörbuch sehen möchten? Und was sollten sie vorher unbedingt beachten?
Sie sollten sich ihrer Zielgruppe bewusst sein. Was häufig passiert ist, dass Autoren sagen: „Ich habe ein cooles Buch“. Was in vielen Fällen auch wirklich stimmt, wir haben sehr viele Autoren mit coolen Büchern. Die dann aber einfach, weil sie noch nicht so lange Autor sind, oder sich noch keine Gedanken gemacht haben oder aus welchen Gründen auch immer, nicht sagen können, was genau die Zielgruppe ist. Es gibt zum Beispiel auch Fantasy-Bücher, die eher an die Kategorie 50 plus gerichtet sind. Das gibt es tatsächlich. Das wäre aber dann schon nicht mehr unsere Zielgruppe, da wir eher junges Publikum haben. Und ich denke, das trifft auf andere Verlage genauso zu. So hat jeder seine eigene Nische, die er bedient, wobei die Nische auch mal weniger Nische und mehr Masse sein kann. Darum sollte man sich im Vorfeld schon Gedanken machen, wer kauft eigentlich mein Buch? Und man sollte am besten auch Zahlen liefern. Wie oft und an welche Menschen hat sich das Buch verkauft? So, dass man datengestützt statt mit Vermutungen arbeiten kann.
Gibt es ein Projekt aus eurem Verlag, auf das ihr besonders stolz seid?
Ja. Das ist „Die Rückkehr des Waldes“. Das ist ein Fantasy-Titel, der, es klingt jetzt sehr anmaßend, aber das geht schon fast von Epik her in Richtung „Herr der Ringe“. Da passiert so viel, mit verschiedenen Wesen und Völkern. Und der Sprecher hat es so toll umgesetzt. Ich habe selten einen Sprecher erlebt, der soviel schauspielerische Arbeit in einzelne Figuren gesteckt hat, schon bei der Ausarbeitung. In der Umsetzung muss er natürlich sein. Aber auch schon vorher. Wir haben einen dreiwöchigen Workshop dazu gemacht, bis wir diese Figuen ausgearbeitet haben, mit dem Sprecher und dem Autor zusammen. Und ich glaube, das war an der Stelle wichtig und trägt dann auch das Endprodukt. Und daher sind wir sehr stolz darauf. Wir haben damit auch den Fabely Trend Award gewonnen, der in diesem Jahr erstmalig hier auf der Buchmesse verliehen wird.
Wenn wir dieses Interview in fünf Jahren noch einmal führen würden: Was hätte sich im Hörbuchmarkt deiner Meinung nach grundlegend verändert?
Zum einen das Thema KI natürlich. Aber ich glaube auch das, was wir machen, bekommt gerade ein bisschen Relevanz. Unsere Standnachbarn, Lübbe Audio, haben jetzt auch etwas eingeführt, sie nennen es Shelfie Audio. Das sind digitale Hörbücher, aufgemacht als kleines Buch, das man sich ins Regal stellen kann. Und ich glaube, es geht weiter in diese Richtung. Weil auch im Buchmarkt natürlich viele Schmuckausgaben existieren. Es gibt ziemlich viele Farbschnitte, Sonderausgaben und Innenillustrationen. Und ich glaube, dass genau diese Schmuckausgaben auch die Hörbuchwelt noch ein bisschen weiter erobern werden.
Kommen wir zur Abschlussfrage. Gibt es etwas, dass ihr eurer Hörerschaft gerne einmal sagen bzw. mit auf den Weg geben möchtet?
Danke, dass ihr so fleißig unsere Hörbücher hört. Ich habe das Gefühl, tatsächlich hat sich eine kleine Fanbase ergeben. Es gibt Leute, die kommen auf die Messe und fragen: „Hey, habt ihr davon jetzt endlich einen zweiten Teil?“. Und die liefern wir jetzt auch nach und nach, weil wir erstmal quasi unsere Zielgruppe und unsere Kunden finden mussten, deswegen ging das am Anfang nicht direkt. Aber darauf können wir in den nächsten Jahren weiter aufbauen und die Reihen fortführen. Deswegen ein großes Danke schön, dass ihr uns so supportet. Tragt die Idee und die Message gerne weiter in die Welt hinaus. Wir freuen uns über jeden, der das Projekt auf die Art unterstützt.
Marcel, ich denke, diesem Schlusswort ist nichts mehr hinzuzufügen. Vielen lieben Dank für dieses ausführliche Interview.
