Für ein gutes Hörbuch oder Hörspiel bedarf es einer starken Vorlage, einer gut gemachten Inszenierung und natürlich ausdrucksstarke Stimmen, die das Werk zum Leben erwecken. Sprecher und Sprecherinnen sind es, die aus Figuren Charaktere machen, ihnen Tiefe verleihen und so Geschichten hörbar machen. Aber wie sieht der Weg in diesen besonderen Beruf eigentlich aus? Und passiert hinter den Kulissen, damit aus einem geschriebenen Text ein klangvolles Erlebnis wird?
Auf der Leipziger Buchmesse hatte ich die Chance, mit Hanna Krüger über eben jene Fragen zu sprechen. Sie ist Sprecherin und gibt in einem ausführlichen Interview Einblicke in ihren persönlichen beurflichen Werdegang, erzählt von Herausforderungen und verrät, was die Arbeit im Studio so besonders macht. Außerdem spricht sie draüber, wie sie sich auf neue Rollen vorbereitet, ihre Stimme trainiert und welche Entwicklungen sie in der Hörbuchbranche beobachtet. Wir hatten leichte Schwierigkeiten, uns zu finden, haben es zum Schluss des Messetages aber geschafft. Aber lest am besten selbst.
Liebe Hanna, wie schön, dass wir es noch geschafft und zueinander gefunden haben. Vielen Dank, dass du dir Zeit für mich nimmst. Wie bist du ursprünglich zu Sprechertätigkeit gekommen – war das ein geplanter Weg oder eher Zufall?
Das hat sich tatsächlich zufällig ergeben.Ich war immer fasziniert vom Synchronbereich, von Hörbüchern und Hörspielen. Aber ich habe erst einmal etwas ganz anderes gemacht. Ich habe Amerikanistik studiert, habe dann fürs Radio gearbeitet und ganz lange Veranstaltungen und Kultur gemacht. Eine richtige Sprecherausbildung habe ich erst im letzten Jahr gemacht.
Damit hast meine nächste Frage schon fast beantwortet. Hast du eine klassische Schauspiel- oder Sprachausbildung absolviert, und wie sehr hat sie dich geprägt?
Ja, genau. Ich habe eine Sprecherausbildung gemacht. Ich würde sagen, dass was man ganz, ganz doll mitnimmt, ist, dass man lernt, das Werkzeug Stimme zu benutzen. Das ist etwas ganz wichtiges. Und auch die Atmung, also das alles miteinander zusammenhängt. Ich bin auch noch nicht am Ende. Ich lerne immer noch. Ich buche immer noch regelmäßig Workshops und versuche Feedback einzuholen, dass man auch im Austausch zu bleibt und sich nicht ausruht und sozusagen im eigenen Saft schmort.
Möchtest du denn weiter Sprecherin bleiben, oder könntest du dir auch vorstellen, mal vor der Kamerea oder auf der Bühne zu stehen?
Ich bin eher Sprecherin. Ich fühle mich da wohler. Ich mag es auch sehr zu spielen, aber dann eher im Hörspielbereich. Da fühle ich mich einfach wohler.
Gab es bei dir eine Art Schlüsselmoment, in dem dir klar wurde: „Das möchte ich machen, so möchte ich arbeiten.“?
Es gab zwei Schlüsselmomente. Einer war in meiner Zeit beim Radio hatte ich schon Blut geleckt, weil ich Einsprecher machen durfte und gemerkt habe, dass mir das unheimlich liegt und Freude macht. Und der zweite war dann vor anderthalb oder zwei Jahren, dass ich gesagt habe: „Ich finde es einfach großartig, Geschichten zum Leben zu erwecken.“ Das habe ich dann zum Beispiel bei Bilderbuchkino für Kinder gemacht, allerdings noch im Ehrenamt. Dann habe ich aber gemerkt, ich möchte das richtig machen. Ich möchte damit mein Geld verdienen und es größer aufziehen. Ich habe dann zweigleisig meine Sprechertätigkeit angekurbelt und mache es jetzt auch mit Kindern und Jugendlichen, dass sie es lernen können.
Wer oder was hat dich deinem Weg zur Sprecherin besonders inspiriert oder beeinflusst?
Tatsächlich Kinder. Kindergeschichten. Diese Euphorie, die Reaktion, wenn es mit Gefühl macht und richtig einsetzt, wie emotional andere Menschen darauf reagieren. Das finde ich ganz toll.
Kannst du dich noch an deine erstes professionelles Projekt erinnern – und was hast du daraus gelernt?
Hahaa, eine sehr gute Frage. Also, die Veröffentlichung meines ersten Hörbuches ist heute. Das ist noch ganz frisch. Ich habe zwar andere Sachen schon gemacht und bei einigen Hörspielprojekten mitgemacht. Aber mein erstes von a bis z professionell, mit ganz viel Herzblut von der Autorin und mir, produziertes Hörbuch erscheint heute. Es heißt „Warmes Blut“, und die Autorin heißt Pia Steinmann. Es ist ein Jugendroman um das Thema Mobbing.
Was reizt dich persönlich mehr – Hörbuch oder Hörspiel?
Oh, da kann kann ich keins von beidem vorziehen. Ich bin aber auch niemand, der ein Hörbuch einfach nur liest. Ich spiele auch im Hörbuch, weil ich es sehr wichtig finde, dass den Charakteren Leben eingehaucht wird. Und der Zuhörer auch ganz klar eine Unterscheidung spürt, und dadurch viel schneller bei den Charakteren und in der Handlung ist. Das sind einfach tolle Momente. Im Hörspiel dagegen ist es so, da kann mal so richtig Emotionen rauslassen. Wenn es dann heißt, du wirst richtig wütend und kannst fluchen, das ist dan eine ganz andere Ebene als im Hörbuch.
Wie bereitest du dich auf ein neues Hörbuch oder eine Hörspielrolle vor?
Bei Hörbüchern ist es tatsächlich so, ich bekomme das Buch und lese es einmal. Und dann gehe ich an die Details. Die Charakternamen, oder Eigennamen generell. Wie werden die ausgeprochen, das muss vorher abgeklärt werden. Dann spreche ich mit den Autoren auch immer darüber, wie ein Charakter angelegt sein soll. Ist es ein Typ, der zum Beispiel ein bisschen frecher ist, ist es eine introvertierte oder auch sehr gefühlvolle Person. Und je nachdem verleiht man der Stimme dann eine besondere Nuance. Und das ziehe ich dann durch. Dafür markiere ich mir in den Büchern auch die wörtliche Rede. Und bei Hörspielen ist es so, dass ich mich in meine Tonkabine stelle, meine Texte nehme und schon einmal probespreche, um es zu hören. Ich habe ja meistens das komplette Skript, dass ich weiß, was die andere Person sagt, um so die Reaktionen besser hinzubekommen. So bereite ich mich vor.
Wie findest du Zugang zu einer Figur oder zu einem Text?
Die Text- und Charakteranalyse ist natürlich super wichtig. Wenn ich jetzt ein Hörspiel habe und mir wird gesagt, ich bin eine Offizieren auf einem Raumschiff, was ich echten Leben natürlich nicht bin. Also, ich überlege mir natürlich, was ist das für ein Charakter und bekomme auch einige Vorgaben. Ich würde dann zum Beispiel die Haltung annehmen. Wie würde eine Offizieren da stehen. Die würde mit Sicherheit nicht so „rumhullern“. Die würde sehr gerade und selbstbewusst auftreten. Das hat sehr viel mit Haltung zu tun, das ist die Vorbereitung. Welchen Ton ich anschlage, welche Intonation ich wähle. Das ist die Vorbereitung, die da treffe, und wie ich mich reinfühlen kann.
Wie gehst du mit stimmlichen Herausforderungen um – zum Besspiel bei Dialekten, unterschiedlichen Altersstufen oder extremen Emotionen?
Das Spiel finde ich großartig. Das lernt man natürlich auch in der Sprecherausbildung. Die Emotionen abzurufen und auch die emotionale Stärke. Also, Wut oder Ärger sind natürlich ganz andere Ebenen, das lernt man. Das ist ganz toll, das als Werkzeug zu haben. Aber was Dialekte oder Alter angeht, das ist ganz viel Übung. Ich musste beispielsweise jetzt in einem Buch schwäbeln. Ich komme auch aus Norddeutschland wie du und spreche eigentlich keinen Dialekt. Und da habe ich , weil es mir sehr wichtig war, mein bestes gegeben und habe tagelang YouTube-Videos angehört, mich selbst aufgenommen um wenigstens diesen Singsang hinzubekommen. In manchen Situationen ist es auch so, da steht im Buch, hat folgenden Dialekt oder kommt aus der Region. Da sagen Autoren auch gerne mal: „Das muss nicht unbedingt sein.“. Ich persönlich finde es trotzdem wichtig, aber es erfordert doch einen gewissen Mehraufwand.
Wie erlebst du die Zusammenarbeit mit Regie und Tonstudio?
Es ist total super. Es gibt mittlerweile viele Situationen, in denen du Remote in der eigenen Tonkabine bist und es mehr oder weniger allein machst. Aber ich bin großer Fan davon, mit Regie zu arbeiten, und auch gerne vor Ort, wenn es möglich ist. Ich brauche das Feedback, die Anweisungen. Es geht schneller, und du bist mehr auf dem Punkt. Du hast da jemanden, der sagt: „Das war schon super, aber könntest du daran noch ein bisschen drehen?“. Das merkst du zu hause allein nicht so. Deswegen ist es eine ganz tolle Sache, wenn jemand da ist, der Regie führt. Der hat es im Kopf, der hat seine Vorstellungen. Und du kannst viel besser agieren.
Wie sieht ein typscher Aufnahmetag bei dir aus?
Es gibt schon gewisse Rituale, würde ich sagen. Ich hole mir immer eine große Flasche Wasser und koche mir einen großen Tee. Ich mache Aufwärm- und Lockerungsübungen. Und dann mache ich immer so eineinhalb- bis zweistunden-Sessions. Dann mache eine Pause, gehe raus und laufe so 10 Minuten um den Block Und dann geht es wieder in die Kabine und mache weiter. So schaffe etwa 6 Stunden netto, ohne dass ich kommplett ausgepowert bin. Dazu gehört auch ganz viel trinken und frische Luft zwischendurch, damit es keine Kopfschmerzen gibt.
Wie pflegst und trainierst du deine Stimme – kann man die Stimme überhaupt trainieren?
Ja. Und am besten auch jeden Tag. Du kannst deine Stimme absolut trainieren. Du musst auch deine Zunge trainieren, das ist ein Muskel. Das heißt, du musst bestimmte Übungen im besten Fall machen. Ganz wichtig ist auch, deine stimme trainierst du auch, indem du deine Atmung trainierst. Sprich dass du Kontrolle über deine Atmung hast. Dann Kiefer lockern, Geläufigkeitsübungen, Zungebrecher. So dass alles ein bisschen fluffiger und kontrollierter ist. Und es gibt auch noch Übrungen, dass du immer wieder in die gesunde Stimmlage zurückkommst. Gerade Frauen tendieren ja dazu, etwas quietschiger zu werden, etwas höher zu sprechen, als sie eigentlich müssten. Und das kannst man mit bestimmten Übungen auch immer wieder Wohlfühl-Tonlage zurückbringen.
Was sind aus deiner Sicht die größten Missverständnisse über den Beruf der Sprecherin?
Ganz viele Leute denken, ich kann toll vorlesen, oder ich habe am Telefon eine ganz nette Stimme, dass sie damit automatisch sprechen und eben auch Sprecher werden können. Hörspielsprecher, Werbesprecher, was auch immer. Das ist ein Trugschluss. Es ist eine gute Basis, das ja. Aber es gibt auch ganz viele Momente, in denen man nicht kontrolliert spricht. Und das Mirkofon merkt das, das Mikrofon verzeigt nichts. Das heißt, wenn du leicht lispelst, wenn du bestimmte Buchstaben nicht korrekt aussprichst. Es gibt ja, wenn man so will, eine Standardsprache, die man hören möchte bzw. an die man gewöhnt ist. Und wenn man darauf nicht achtet, dann wird es auch nicht gut.
Wie hat sich die Hörbuch- und Hörspielbranche in den letzten Jahren verändert?
Darüber haben wir während der Messe ganz viel gesprochen. Das Phänomen Royalty Share ist bei Hörbüchern schwierig. Das ist ein Preisdumping, was da passiert.. Viele Autoren wissen dadurch letztlich, dass sie jemanden finden, der es kostenlos macht. Deswegen wird es natürlich schwer, wenn du Qualität liefern willst. Man will nicht reich werden, aber möchte doch schon einen gewissen Grad an monetärer Wertschätzung für seine Tätigkeit haben. Das ist eine Entwicklung, die mir ein bisschen Sorge bereitet. Dass die Sprecherleistung, die man erbringt, umsonst ist. Dass man sie einfach abrufen kann. Und es ist nicht nur das Sprechen, was dann erwartet wird, sondern auch noch die Produktion. Die gesamte Postproduktion, das Mastering. Beim Film sagt man, ein Drehtag sind drei bis vier Schnitttage. Und das ist im Hörbuchbereich ähnlich. Und das tut schon weh, wenn man darüber nachdenkt, dass das überhaupt nicht entlohnt wird. Beim Hörspiel ist noch etwas anderes. Da gibt es eine Community, die machen Herzensprojekte. Die sind allerdings nicht kommerziell, damit macht niemand Geld. Da finden sich einfach Menschen zusammen, die wollen üben und tolle Projetke an den Start bringen. Die wollen es einfach teilen, haben tolle Ideen, wollen damit aber kein Geld verdienen. Das heißt, keiner verdient da irgendwas und keiner hat irgendwelche imensen Ausgaben. Und da bin ich zum Beispiel auch gerne mit dabei. Das ist einfach ein Spaß für alle. Aber in der Hörbuchbranche ist doch mittlerweile sehr extrem, dass es von Autoren sehr viel auf Royalty-Sahre-Basis gewünscht wird und es am Ende fast nichts abwirft für den Sprecher.
Gibt es ein Genre, das du besonders gern sprichst – oder eines, dass dich sehr reizen würde?
Ich weiß, aktuell sind Romance, Romantasy, Fantasy ganz groß. Aber ich mag tatsächlich sehr, sehr gerne Jugendromane. Auch gerade, wenn es nicht immer nur Liebesgeschichten sind, sondern über Mobbing oder auch das Heranwachsen auf der psychologischen Ebene. Welche Probleme, Gruppendynamik, existenzielle Krisen, alles was ein bisschen tiefer geht, finde ich total spannend. Und Kinder und jugendliche sind für mich einfach ein tolles Publikum.
Welche Tipps würdest du Nachwuchssprechern mit auf den Weg geben?
Ganz wichtig, nicht denken, nur weil man eine tolle Stimme und auch eine Ausbildung hat, dass sofort das große Geld fließt. Man braucht einen langen Atem und muss auch relativ diszipliniert sein. Man muss einfach dranbleiben und ein bisschen Sitzfleisch haben, darf aber auch nicht so festgefahren sein. Also man sollte sich nicht so festlegen und sagen, ich will unbedingt ins Synchron. Oder ich möchte dies oder jenes machen. Es ist ganz wichtig, finde ich, sich auch für andere Sachen zu öfnnen, und sich auch nicht unter Wert zu verkaufen.
Was bedeutet es dir, wenn Hörerinnen und Hörer auf dich zukommen oder deine Stimme wiedererkennen?
Das ist noch nicht soo oft passiert. Aber was ich immer sehr schön fand, es gab in meiner Zeit beim Radio immer wieder eine Situation, wenn ich ans Telefon gegangen bin. Da haben die Stammhörer ganz oft gesagt: „Ach, du bist das.“. Das ist natürlich nicht zu vergleichen, aber es war schon ein sehr cooles Gefühl. Dass in dem Moment meine Stimme wiedererkannt wurde, obwohl es eine relativ große Redaktion war und viele Menschen ans Telefon gegangen sind. Oder wenn wir on Tour waren und ich mit jemandem gesprochen habe und dann gefragt wurde: „Sag mal, bist du nicht die..?“, das fand ich immer sehr nett.
Wenn du eine literarische Figur sprechen dürftest – völlig frei gewählt – welche wäre das?
Momo, ganz klar: Momo von Michael Ende ist meine größte prägende Kindheitserinnerung. Ich finde die Botschaft dahinter ganz wichtig. Nämlich, dass Zeit ein ganz, ganz wertvolles Gut ist und jeder damit sorgsam umgehen sollte.
Ich denke, weise Worte können wir zum Abschluss nicht finden. Hanna, vielen Dank für das ausführliche Interview.
