Interview mit Gabriele Summen

Neulich habe ich Euch „Julius und der Melog“ vorgestellt. Die Hörspielautorin Gabriele Summen war so freundlich, mir ein paar Einblicke in die Geschichte hinter bzw. vor dem Hörspiel zu geben.

Liebe Gaby, Du bist hauptsächlich als Journalistin und Fotografin unterwegs. Wann und wie kam Dir die Idee, einmal ein Hörspiel zu machen?

Gabriele Summen: Das war im wahrsten Sinne des Wortes eine Schnapsidee. Ich saß mit meiner Freundin, der großartigen Sprecherin Anna Katz bei einem gepflegten Drink zusammen und erzählte ihr von den Stoffen, die noch in meiner Schreibtischschublade vor sich hin schlummern. „Julius und der Melog“ fand sie besonders spannend und wollte es unbedingt einmal lesen. Sie mochte die Geschichte auf Anhieb sehr und so beschlossen wir spontan, dass ich das Kinderbuch zu einem Hörspiel umarbeite und wir es gemeinsam produzieren. Ich schreibe nämlich viel und wahnsinnig gern, meist begnüge ich mich aber damit, die Ideen einfach zu Papier bringen. Dann klopft meist schon die nächste, vorwitzige Idee von innen an meinen Schädel und will unbedingt heraus – so dass ich bislang eher lausig darin war, meine Geschichten auch in die Welt zu bringen.

Wieviel steckt von Dir selbst im Hörspiel drin? Ich meine, gibt es eigene Kindheitserinnerungen von Dir, die den Weg ins Hörspiel gefunden haben?

Gabriele Summen: Tatsächlich war ich tendenziell eher ein mutiges Mädchen, kletterte auf hohe Bäume und wusste, oben angekommen, nicht, wie ich wieder runterkommen sollte. Ich hatte auch eine kleine Bande, deren Anführerin ich war oder schaute mir heimlich Gruselfilme an, wenn meine Eltern nicht da waren. Als dann mein Sohn geboren wurde, war ich überrascht, wieviel Persönlichkeit Kinder bereits mit auf die Welt bringen. Mein Sohn war ein immer ausgesprochen zufriedener, aber wie ich fand, auch eher ängstlicher Junge. Ihm schien immer alles so zu gefallen, wie es gerade ist – ich musste ihn stets ein bisschen dazu zwingen, auch mal Neues auszuprobieren, z.B. krabbeln zu lernen oder später dann mal ein paar Sportarten auszutesten. Auch bestand er – noch weit über das Babyalter hinaus – auf seinen speziellen Frühstücksbrei – genau wie Julius in der Geschichte.

Damals dachte ich viel über Ängstlichkeit nach und begriff auch reichlich verspätet erst, dass Angst keineswegs immer negativ ist, sondern dass es auch die gute Angst gibt, die uns schützt – wie es auch der Melog in dem Hörspiel zu Julius sagt. Irgendwann habe ich mich hingesetzt und die Geschichte einfach runter geschrieben.

Wie kam Dir die Idee, die eigene Angst einmal „feste Gestalt“ annehmen zu lassen, so dass man sich mit ihr auseinandersetzen kann und eine echte Interaktion stattfindet?

Gabriele Summen: Ich las damals vor dem Schlafengehen immer ein paar Seiten von Gustav Meyrinks phantastischem Roman „Der Golem“, der von der jüdischen Golem-Saga inspiriert wurde. In der wird ein menschenähnliches Wesen aus Lehm geformt und zum Leben erweckt. In Meyrinks Buch aber ist der Golem eine Art Doppelgänger des träumenden Erzählers, wenn ich mich richtig erinnere. Genau weiß ich bloß noch, dass ich die magische Stimmung des Buches großartig fand. In einem meiner Träume formierten sich dann auf jeden Fall eines Nachts die Buchstaben auf einmal um – und der Melog wurde geboren. Plötzlich wusste ich, wie ich meinen Sohn spielerisch dazu bringen könnte, sich seinen Ängsten zu stellen und zu erspüren, welche gut für ihn sind und welche ihn in seiner Entwicklung hemmen. Vielleicht hat meine Geschichte bei ihm etwas bewirkt. Nach dem Abitur ging er auf jeden Fall direkt für ein Jahr nach Bangalore und arbeitet dort als Lehrer für Slumkinder – ehrlich gesagt, hätte ich mich das in seinem Alter nicht getraut. Seine von mir damals diagnostizierte Ängstlichkeit hat sich inzwischen in eine große Gelassenheit dem Leben gegenüber gewandelt, die ich sehr an ihm bewundere. Vielleicht aber ist er einfach derselbe geblieben und nur ich sehe ihn auf einmal mit anderen Augen.

War es sehr schwierig, die verschiedenen Rollen richtig zu besetzen oder hattest Du im voraus schon den einen oder anderen Wunschkandidaten? Ich denke, gerade den „richtigen“ Julius zu finden war bestimmt nicht einfach?

Gabriele Summen: Im Gegenteil: Alles entwickelte sich mühelos, beinahe wie in einem Traum.

Mit Anna hatte ich ja bereits eine fantastische Erzählerin, die in der Lage ist, die Geschichte zu tragen. Wenig später fuhr ich mit meiner Familie in die Uckermark, wo ein paar Freunde von uns ein gemeinsames Häuschen haben. Dort lernte ich Oskar, den Sohn eines befreundeten Fotografen kennen und war von seinem Charme, der sich auch in seiner Stimme widerspiegelt, gleich restlos begeistert. Als ich ihn fragte, ob er bei meinem Hörspiel mitmachen wolle, sagte er gleich zu, denn im Gegensatz zu Julius ist er eher ein wagemutiger Junge. Und obwohl Oskar null Sprechererfahrung hat, überraschte er Anna und mich mit seiner Lernfähigkeit – während der Aufnahmen wurde mir oft richtig warm ums Herz, weil er Julius ganz unschuldig soviel Tiefe zu geben wusste.

Für den Melog kam für mich von Anfang an nur ein weiterer Freund von mir in Frage: Reverend Christian Dabeler, ein toller Musiker und Schauspieler. Als ich ihn noch gar nicht kannte, war ich schon von seiner Performance in „Rollo Aller!“ begeistert gewesen und auch in der Serie „Deichbullen“ fand ich ihn spitze. Gleich bei der ersten Probelesung, die Anna und ich mit ihm absolvierten, wusste er bereits genau, wie er den Melog anlegen wollte – und wir konnten das nur noch begeistert abnicken.

Auch alle anderen Sprecher schickte uns eine Art göttliche Fügung: Der bekannte und vielbeschäftigte Radiomoderator Jürgen Kuttner, ein Bekannter von Anna, wollte eigentlich netterweise nur mal eben die zwei Sätze des Schwimmlehrers einsprechen, weil der uns zunächst versetzt hatte. Als der berlinernde Bademeister dann doch noch auftauchte, fragten wir Jürgen, ob er nicht auch spontan die viel größere Rolle des Vater übernehmen würde und zu unser großen Freude sagte er zu.

Die Mutter habe ich erst selbst eingesprochen, aber als ich mir mit meiner Tochter die Probeaufnahmen anhörte, mussten wir uns kaputtlachen. Sie sagte: „Für mich klingst du zwar wie eine Mutter, weil Du meine Mama bis, aber eigentlich klingst Du eher wie die kratzbürstigen Schwestern von den Simpsons“ – und ich konnte ihr nur prustend beipflichten. Also wiederholten wir die Aufnahmen mit der zauberhaften Schauspielerin Alexandra Sagurna, die tatsächlich auch sofort von der Geschichte begeistert war und extra für die Aufnahmen zu uns ins Studio anreiste.

Dazu muss ich auch mal ergänzen, dass alle Sprecher*innen, sowie auch Stefanie Schrank, die das wunderschöne Cover gestaltet hat, meine Freundin Daniela, die die Webseite gemacht und mein Kumpel Andreas, der die Sprecher*innen gezeichnet hat, zunächst völlig unentgeltlich bei dem Hörspiel mitgemacht haben. Auch mein Freund Ramin Bijan erklärte sich bereit für die Aufnahmen sein Studio und seine Fertigkeiten erst einmal kostenlos zur Verfügung zu stellen – wir wussten ja nicht, ob ein Verlag das Hörspiel tatsächlich jemals herausbringen würde. Inzwischen konnte ich die meisten durch einen kleinen Verlagsvorschuss ein wenig entlohnen, hoffe aber, dass das Hörspiel nochmal was einspielt, damit ich noch einmal ordentlich was drauflegen kann. Aber andererseits hat genau diese Situation für mich auch den Zauber der Produktion ausgemacht, wir waren alle ein bisschen wie Kinder, die eine tolle Idee haben und sie dann einfach umsetzen – ohne die vielen Bedenken, die man sich als Erwachsener oft aneignet.

Wie lange hat es gebraucht von der ersten Idee bis zum fertigen Hörspiel?

Gabriele Summen: Nur etwa ein Jahr. Sebastian Pobot vom Maritim Verlag war unser erster Wunsch-Herausgeber, er hörte sich die fertige Aufnahme an und sagte gleich begeistert zu. Ach, wenn es doch bloß im Leben immer so unkompliziert laufen würde. (;

Auf der Website zum Hörspiel heißt es, dass weitere Folgen schon in Arbeit sind. Kannst Du dazu schon etwas näheres sagen?

Gabriele Summen: In der nächsten Folge fährt Julius mit seinem deutlich geschrumpften Melog in die Ferien. Dort geraten sie aber in eine Ausnahmesituation und sehen sich gezwungen einem Umweltgangster das Handwerk zu legen – was natürlich Julius Ängste und somit den Melog wieder deutlich größer werden lässt. In der dritten Folge schwebt mir vor, dass Julius sich zum ersten Mal verliebt, das hat selbst mir als recht unerschrockene Teenagerin damals große Angst eingejagt.

Liebe Gaby, vielen Dank für Deine Zeit und das Interview.

Gabriele Summen: Vielen Dank für die wirklich spannenden Fragen.

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