Schon zum 16. Mal hat in der vergangenen Woche das Mardsharz-Krimifestival stattgefunden. Ich selbst habe das Festival das dritte Jahr in Folge besucht. Aber was passiert eigentlich hinter den Kulissen eines solchen Festivals? Wie entsteht das Programm, wie werden die Autoren ausgewählt und wie viel Arbeit steckt tatsächlich in der Organisation? Um diesen Fragen nachzugehen, habe ich mich zum Auftakt des Festivals mit Presseprecher Christian Dolle getroffen. Im Interview sprechen wir über das Mordsharz, die Besonderheiten des Harzes als Krimiregion, die Arbeit hinter den Kulissen und natürlich darüber, was Besucher in diesem Jahr erwartet.
Hinweis: Ich habe das Interview für eine bessere Lesbarkeit leicht redaktionell bearbeitet. Kleine Versprecher, Füllwörter und längere Pausen habe ich dabei entfernt, ohne die Aussagen zu verändern.
Lieber Chris, vielen Dank, dass du dir die Zeit für mich nimmst. Als Pressesprecher bist du bist du beim Mordharz-Krimifestgival ganz nah Geschehen. Was macht für dich persönlich den besonderen Reiz dieses Festivals aus?
Es ist diese Unverwechselbarkeit, dass du wirklich ein Festival hast, das eigenständig ist. Wo wir durch unsere Interviews und unser Programm eigene Akzente setzen und eben nicht nur so eine Aufreihung von Autoren haben. Für mich persönlich sind es eben auch die Interviews, die ich mit den Autoren führen darf und kann. Und, das ist jetzt leider blöd für alle, die es nicht dürfen, aber hinter den Kulissen die Autoren persönlich kennenzulernen, ist halt das geilste, was es gibt – sind wir doch mal ehrlich. (lacht)
Ich selbst besuche das Festival schon das dritte Jahr in Folge. Was hat sich aus deiner Sicht in den vergangen Jahren beim Festival verändert – und was ist zum Glück gleich geblieben?
Es ist sehr schwierig, dass aus der Innenperspektive zu sagen. Im Vergleich zu den allerersten Malen, da haben wir noch wechselnde Orte gehabt und vieles ausprobiert. Inzwischen ist vieles fix und hat sich so bewährt. Und die Leute, die immer wiederkommen – wir haben ja etliche, die deutlich länger oder häufiger da waren als du – die lieben es so wie es ist. Was natürlich immer wieder ein bisschen anders ist, wir versuchen uns immer wieder zu optimieren und auf das hören, was ihr uns hinterher erzählt. Also, wenn du diesmal sagst, dies und das war nicht so gut, versuchen wir das irgendwie abzustellen, wenn es möglich ist. Und ansonsten ist es vor allem, immer am Puls zu bleiben und immer wieder neue Autoren und neue Leute und Stimmen zu präsentieren.
Wie viel Arbeit steckt eigentlich hinter einem Festival dieser Größe? Was passiert, bevor die ersten Autoren und Besucher im Harz eintreffen?
Wir sind im Kernteam vier Leute – Christoph Lampert als unser Chef vom Brocken, Roland Lange als der Papa vom Mordsharz, Andreas als Techniker und ich als Pressesprecher. Dadurch ist es es relativ viel. Andere Festivals haben oft viel mehr Leute oder Angestellte, die es organisieren. Aber wir knien uns eben so rein, weil wir es für uns machen. Das heißt, wir sitzen nach dem Festival, meistens im Oktober, zusammen und schauen, was ist gut gelaufen und was ist nicht so gut gelaufen? Vielleicht auch, welche Autoren schlecht waren, aber das würde ich niemals verraten. (lacht kurz) Und dann fängt es eigentlich schon an, dass wir uns überlegen, was ist auf dem Buch- und auf dem Krimimarkt eigentlich los? Welche Autoren sind spannend? Und nicht nur, welche Bücher sich gut verkaufen. Wir schauen, was zu uns passt, weil wir immer die Bandbreite haben wollen. Wir sind eigentlich schon das ganze Jahr irgendwie mit dem Mordsharz beschäftigt. Christoph ist dann derjenige, der die Buchungen macht, weil er mit den Verlagen, Autoren und Agenturen in Kontakt steht. Und ich fange dann irgendwann an, Pressemitteilungen, Rezensionen und alles weitere herauszugeben, so dass am Ende des Jahres das Festival-Ticket starten kann. Wir sind also wirklich das ganze Jahr immer irgendwie mit dem Mordsharz beschäfigt.
Wie stellt ihr das Programm zusammen? Nach welchen Kriterien entscheidet ihr, welche Autoren oder Sprecher zum Mordsharz passen?
Es ist so, dass wir oben auf dem Brocken einen Boxring aufbauen. Jeder hat so seine Autoren im Kopf, und wir kloppen uns dann so lange, bis nur noch einer steht, und der darf dann entscheiden. (lacht schallend)
Also, nun ernsthaft. Jeder bringt Ideen mit. Wir haben alle ein paar Autoren im Hinterkopf, die wir seit Jahren auf dem Zettel haben, wo es aber irgendwie aus irgendwelchen Gründen nie etwas wurde. Die werden immer wieder in den Topf geworfen. Natürlich gibt es auch von den Verlagen Vorschläge an uns. Autoren selbst kommen auf uns zu und sagen, sie würden gerne mal bzw. gerne mal wieder bei uns lesen. Wir haben meistens auch die originalen Hörbuchsprecher dabei. Und manchmal läuft es eben auch, dass wir sie fragen, welche Bücher sie in letzter Zeit eingelesen haben bzw. welchen Autor wir einladen können, für den sie den Lesepart übernehmen. Es gibt wirklch unterschiedlichste Wege, und am Ende kommt immer ein relativ buntes Progrtamm zustande.
Der Harz ist als Schauplatz für Krimis und Thriller geradezu prädestiniert. Welche Rolle spielt die Region für euch bei der Gestaltung des Festivals?
Eine große Rolle. Es geht uns darum, dass wir an historischen Orten sind. Sei es hier in Wernigerode die Remise, das Kloster in Walkenried, der Tabakspeicher in Nordhausen oder auch große heilige Kreuz in Goslar. Wir waren auch schon einnmal auf dem Schloss Wernigerode und in der Kaiserpfalz in Goslar. Wir wollen schon, dass unsere Gäste, wenn sie, so wie du, vier Tage hier im Harz sind, dass sie herumreisen und sich Sachen anschauen. Also, der touristische Aspekt spielt schon eine Rolle. Und auch, wenn Regionalkrimis inzwischen etwas aus der Mode gekommen sind, haben wir immer versucht, regionale Autoren mit Harzer Themen einzubinden. Wir haben in diesem Jahr Roland Lange dabei, der eröffnet jetzt gleich mit einem harzer Krimi. Er kommt auch von hier. Aber das bekommt man eben nicht in jedem Jahr hin. Schon weil es auch hochwertige Bücher sein sollen, die wir vorher auch gelesen haben müssen. Also, wir prüfen schon, wen wir einladen.
Das heißt, du liest auch alle Bücher, die hier präsentiert werden?
Tatsächlich nicht alle. Wir haben durch den Harzer Hammer auch noch die Einsendungen für den Wettbewerb. Die muss und möchte ich auch alle lesen, um hinterher in der Jury abstimmen zu können. Aber tatsächlich gibt es auch Bücher beim Festival, die ich nur anlese. Alles ist einfach nicht zu schaffen, da wir das hier nur nebenberuflich und ehrenamtlich machen.
Gibt es Autoren oder Gäste, bei denen du selbst besonders gespannt bist, sie in diesem Jahr beim Mordsharz zu erleben?
Oh, es ist immer schwierig, sich einen oder zwei herauszugreifen. Aber ganz besonders gespannt bin zum Beispiel auf Sophie Czerny. Sie ist eine neue Autorin und mit ihrem Erstlingswerk Totensee bei uns. Darauf bin ich wahnsinnig gespannt. Ich habe das Buch gelesen, war völlig begeistert und habe bei Instagram mit ihr hin und her geschrieben und gedacht, das könnte echt gut passen. Wo es mir genauso ging, war im letzten Jahr mit Annika Strauss. Da war es auch so, dass ich mit ihr geschrieben hatte und gemerkt habe, das passt einfach. Die passt zu uns. Und natürlich waren wir alle aufgeregt, als Sebastian Fitzek da war. Bei den ganz Großen hat man schon einen gewissen Respekt. Aber ich habe es noch nie erlebt, dass ich dachte, ach der ist da. Kann ruhig kommen, aber interessiert mich nicht wirklich. Es ist zwölf Lesungen, und ich fiebere jeder entgegen. Es ist einfach so.
Was macht für dich eine richtig gute Krimilesung aus? Ist eher der Autor, die Atmosphäre – oder das Zusammenspiel von allem?
Sowohl als auch Es gibt grandiose Bücher Bücher von Leuten, die aber leider nicht lesen können. Die laden wir aber nicht ein. (lacht) Tatsächlich gucken wir beim Einladen ein bisschen darauf: Gibt es bei Youtube irgendwelche Schnipsel, die wir uns anschauen können – können die wirklich lesen? Es kann ganz unterschiedlich sein. Ich habe zwei Beispielele. Wir hatten einmal Max Bentow da, ich weiß nur nicht mehr, mit welchem Buch. Der hat sich hingesetzt, sein Buch aufgeschlagen, gelesen, nach einer Dreivertelstunde das Buch zugeklappt. Und ich war hin und weg. Und es gab nichts anderes zwischendurch. Ich hatte vorher das Hörbuch, gelesen von Axel Milberg, gehört, fand ihn als Autor sogar noch besser. Wir hatten auf der anderen Seite vor zwei Jahren Andreas Gruber da, der spontan eingesprungen ist, weil jemand krank geworden war. Er hat keinen Satz aus seinem Buch gelesen, er hat nur erzählt. Ich kann es gar nicht so rüberbringen, warum es so geil war. Aber wenn du Andreas Gruber eine Dreiviertelstunde lang zuhörst, du lachst dich tot. Es war einfach grandios. Und das ist es eben. Du hast Leute, da ist es das reine Lesen. Du hast Leute, da ist es das Erzählen. Und du hast Mischfortmen à la couleur, da geht alles mögliche. Getanzt hat noch keiner bei uns, aber vielleicht kommt das ja noch. Wir haben schon einige mit Musik im Programm gehabt. Auch da denke ich immer, macht Spaß und ist genial. Und genau das ist es für uns. Wenn sich jemand wirklich auf die Lesung vorbereitet, und nicht nur, weil er Autor ist und sein Buch halt lesen muss, sich dahin setzt. Sondern wenn er sagt, Lesung ist ein eigenes Format. Das ist, glaube ich, das Wichtige, was bei den Autoren passieren muss.
Als Pressesprecher bekommst du vermutlich auch viel Feedback von Autoren und Besuchern. Gibt es eine Reaktion aufs das Festival, die dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Tatsächlich sind mir zum Glück nur positive Sachen in Erinnerung geblieben. Ich weiß nicht mehr so recht, ob es auch negative gab. Aber ich neige auch sehr dazu, so etwas zu verdrängen, weil es einfach nicht gut tut. Natürlich, berechtigte Kritik nehme ich mit. Aber ansonsten ist es einfach dieses familiäre. Dass man Leute kennenlernt durchs Festival. Dass man sich plötzlich Leute in Hamburg in der Flussschifferkirche wiedertrifft – so wie wir beide im letzten Jahr – und denkt, ach schau mal, die kennst du ja vom Mardharz. Solche Begegnungen hatte ich eben nicht nur mit dir, das gab es schon häufiger. Neulich auf einem Musikfestival und bin ich mit einer Pressekollegin ins Gespräch gekommen. Als ich erzählte, dass wir auch ein kleines Krimifestival haben, meine sie gleich: „Oh, ist es nicht das mit Andreas Gruber? Das ist so toll.“. Solche Begegnungen sind es, die Mordsharz für mich ausmachen.
Krimis und Thriller sind längst nicht mehr nur klassische Bücher. Hörbücher, Hörspiele, Podcasts und andere Audioformate werden immer beliebter. Welche Beduetung haben diese Formate für ein Krimifestival wie das Mordsharz? Könntet ihr euch vorstellen, etwas davon mit ins Programm zu nehmen?
Ja, können wir. Wir hatten im letzten Jahr einen Vortrag dabei, wo es ohne ein Buch ums Thema Kriminalistik ging. Wie Plausibel sind Kriminalfälle, und wie funktioniert Polizeiarbeit. Wir hatten einmal die stillen Hunde zu Gast. Das sind zwei Schauspieler aus Göttingen, die auch grandios sind in dem was sie aus Literatur machen. Die waren mit dem Hund von Baskerville bei uns, als szenische Lesung mit nur zwei Leuten – und es war genial. Natürlich nehmen wir sowas auch immer wieder gerne mit auf, wenn wir es denn präsentieren können. Ein Hörspielformat können wir nur schlecht auf die Bühne bringen. Dafür bräuchten wir eine größere Bühne und viel mehr Leute. Die drei Fragezeichen hatten wir schon öfter als Livelesung mit Geräuschemacher, sowas geht. Aber ansonsten ist es natürlich schwierig, solche Formate im Festival unterzubringen. Dafür müsste man ein eigenes Format schaffen. Obwohl wir schon sehr offen sind. Das heißt, wenn jemand auf uns zukommt und sagt: „Wir haben da etwas“, dann sagen wir eigentlich fast jedes mal, ok – probieren wir aus.
Wie hat sich die Krimiszene deiner Meinung nach in den letzten Jahren verändert.? Gibt es Trends, die sich auch beim Mordsharz bemerkbar machen?
Oh, es ist sehr schwierig, aus meiner persönlichen und eingeschränkten Perspektive über alles zu reden. Ich merke an mir selbst, dass ich bei den Einreichungen für den Harzer Hammer ganz oft das Gefühl habe, es gibt diesen typischen Ermittlerkrimi – es wird eine Leiche gefunden, der Ermittler stiefelt mit seinem Assistenten los, befragt zwölf Leute, die nichts dazu zu sagen haben, und dann kommt es irgednwann in Gang. Es gibt so, ich nenne sie jetzt einfach mal Standardkrimis, die ich für mich leider immer mehr aussortiere und mich lieber auf die Suche nach etwas neuem mache, Es muss ja nicht das Rad neu erfunden werden, aber ich merke an mir, ich schaue lieber nach etwas, wo ich denke, das habe ich so in der Form noch nicht gehabt. Wie gesagt, bis vor etwa zehn Jahren gab es die Regionalkrimis. Über fast jedes Dorf hat jemand einen Krimi geschrieben. Das war ein bisschen viel damals. Dann gab es auch eine Cozy-Crinme-Phase, die ist auch noch nicht ganz vorbei. Die war aber auch nicht so meins. Das Schöne am Krimi ist ja, dass er so vielseitig ist. Das ist es auch, was ich daran liebe. Ich hatte noch nie das Gefühl, satt zu sein.
Wenn du selbst einen Krimi schreiben würdest: Würde er im Harz spielen – und worum würde es gehen?
Wie wäre es mit einem Cyberpunk-Thriller? Der ist tatsächlich in der Mache. Er spielt etwa fünfzig Jahre in der Zukunft, in einer Cyberpunkwelt, und es ist ein Thriller. Wie gesagt, ich lese gerne, was noch nicht da gewesen ist. Und so schreibe ich für mich selber auch. Das war ursprünglich eine Kurzgeschichte, die immer länger wurde. Und irgendwann dachte ich mir dann, ich ziehe es durch und mache ein Buch daraus. Du weißt es ja vielleicht, ich schreibe eigentlich gerne Horror. Aber ich begebe mich gerne auch mal in Science-Fiction-Welten und mache etwas völlig anderes als das, was ich schon kenne. Weil ich gerne ausprobiere. Und in diesem Fall wird es ein Thriller, der in einer sehr technisierten, heruntergekommenen, abgerockten Welt spielt.
Zum Schluss noch eine ganz persönliche Frage: Was sollte man sich beim Mordsharz auf keinen Fall entgehen lassen – und warum lohnt es sich, auch im nächsten Jahr wiederzukommen?
Oh, so viel kann ich jetzt natürlich noch nicht sagen. Aber was bleiben wird und was für mich das Besondere ist, ist dieses Familiäre. Dass wir relativ kleine Räume haben, dass wir nicht eine Lesung mit 500 oder 1000 Leuten machen. Und das ist, glaube ich, das Besondere. Dass man wirklich ein Festival hat. Es sind nicht einzelne aneinandergereihte Lesungen. Sondern du hast dieses Gefühl, als Festival-Crowd aufeinander zu hocken. Das ist es. Dieses Gefühl, dass es ein Gesamtpaket ist und nicht nur einzelne Lesungen.
Lieber Chris, danke für das ausführiche Interview.
